16.09.2016
Schon bald geht unsere Zeit in Haapsalu zu Ende. Am Dienstag ziehen wir nach Tallin um. Bis jetzt kann ich mir noch gar nicht vorstellen, wieder in einer großen Stadt (350000 Einwohner) zu wohnen.
Wir haben schon seit einiger Zeit schönes Spätsommerwetter mit angenehmen Temperaturen. Von Tag zu Tag wird es jedoch herbstlicher, besonders die Birken und Kastanien färben sich früh. Jetzt ist Höhepunkt der Erntezeit. Wie bereits gesagt, wird das Land von Äpfeln überschwemmt. Überall, wo ich hinkomme, werden Äpfel angeboten. Unser Nachbar Alfried hat mir gestern wieder Äpfel, Tomaten und Gurken geschenkt. Er selbst hat im Hausflur mehrere alte Schränke, in denen er die Äpfel für den Winter aufbewahrt. Auf dem Hof liegen riesige Haufen Holz, die schön säuberlich aufgestapelt werden. Wir selbst haben unsere Einmachorgien beendet. Wir haben Preiselbeer-,Johannisbeer/Rhababer und Brombeermarmelade eingekocht. Natürlich alles selbst gesammelt. Auf die Verarbeitung der Äpfel habe ich keine Lust.
Ich wollte noch einige Fotos von unserer Wohnung zeigen, damit man sich ein Bild machen kann, wie viele Esten leben. Wir haben hier eine junge Frau kennengelernt, Tuuli 25 Jahre alt, die uns viel über die Lebensbedingungen der Esten erzählt hat. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin beim Jugendamt in einer Gemeinde auf dem Land. Durch Zentralisierung ist sie für 1000 Personen (Problemfamilien) zuständig. Obwohl sie den Master hat, verdient sie 900€. Ihre Mutter arbeitet in leitender Position bei der Landwirtschaftskammer des Kreises und verdient 1000€. Sie selbst wohnt wieder zu Hause bei Mutter und Großeltern auf dem Lande, weil sie Geld für eine Wohnung sparen möchte. In Estland werden Wohnungen grundsätzlich gekauft. Da sie sehr gut Deutsch spricht, überlegt sie, eine Zeitlang in Deutschland zu arbeiten, um Geld zu sparen. Nur, in Deutschland verdient man doppelt so viel, braucht aber auch wesentlich mehr zum Lebensunterhalt. Tuuli organisiert eine Partnerschaft ihrer Kirchengemeinde mit Schmalkalden in Thüringen und hat über diesen Kontakt viele Freunde in Deutschland.
Es gibt hier auch einmal pro Woche eine Art Schwarzmarkt.
Donnerstags von 16.00-17.00 fahren Autos auf einen Platz,
öffnen den Kofferraumdeckel und man alle Produkte direkt vom Erzeuger auf dem Land kaufen zu einem wahrhaft günstigen Preis. Vor allem gibt es dann mal ein wenig Abwechslung in der Gemüseauswahl.
Wir unternehmen auch immer mal wieder Ausflüge ins Landesinnere. Letzte Woche waren wir in Paide und Türi in Zentralestland in der Provinz Jögava. In Risti fanden wir einen alten Bahnhof mit einer Gedenkstätte für die nach Sibirien verschleppten Menschen in den Jahren 1941 und 1946. 30000 Menschen wurden aus der Region Läänemaa deportiert. Die Meisten kamen nicht zurück. Ich selbst habe mit einer Frau gesprochen, deren Mutter und Schwester dieses Schicksal erlitten hat, nur weil sie glaubten, dass die schwedische Minderheit in Estland verschont bliebe. Sie hätten noch nach Schweden flüchten können.
Weiter ging es nach Koluvere, von wo wir eine Tramperin mitnahmen, die nach Märjamaa (17km) wollte um im Maxima einzukaufen. So weit liegen die Einkaufsmöglichkeiten in dieser wenig besiedelten Region auseinander. Dann noch Paide, das Ziel unserer Reise. Paide hat eine sehenswerte Burgruine mit einem restaurierten Turm in einem schönen Park. Es gibt nette Geschäfte und Cafes und einen gut erhaltenen Ortskern mit Holzhäusern.
Letztes Wochenende war hier in Haapsalu nochmal ein Großereignis vor dem Winter. Der Nostalgia Paevad. Es gab eine riesige Oldtimer Parade durch die ganze Stadt. Am Stadion hatten sich alle nur möglichen Fahrzeuge(Autos, Mopeds, Motorräder,Mofas,Busse,LKWs, Fahrräder) aus den 60er und 70er Jahren gesammelt. Die Leute hatten sich auch alle nach der Zeit ihrer Fahrzeuge verkleidet. So sah man auch viele junge Männer in Uniform aus der Zeit der sowjetischen Besatzung, da die meisten dieser Autos wohl von sowjetischen Amtsträgern gefahren wurden. Um 12.00 ging die Parade los. Alles knatterte und stank durch die Stadt bis zum Schlosspark, wo sich alle auf einem riesigen Platz versammelten. Es war ein richtiges Volksfest mit traditionellen estnischen Speisen, Gesang und Tanz.
Ach ja, dann gab es noch einen Bücherflohmarkt für umsonst vor der Bibliothek. Es war verwunderlich in welchen Mengen die Leute die alten Schinken mitnahmen. Ich habe ein Deutsch-Estnisches Wörterbuch von 1964 gefunden.
Jetzt möchte ich noch über meine Aktivitäten in Haapsalu berichten. Dienstags bin ich immer ins Lace Center zum Stricken gegangen, um diese Technik zu erlernen. Mittlerweile habe ich das Strickzeug in die Ecke geschmissen, weil ich immer wieder Fehler gemacht habe. Meine Finger sind einfach nicht für eine solche filigrane Technik geeignet.
Donnerstags um 10.00 bin ich ins Rannarootsi Museum gegangen zum Handarbeitskreis. Die vorwiegend alten Damen gehören der schwedischen Minderheit an und pflegen die Kultur. Obwohl die Verständigung schwer bis unmöglich war, wurde ich herzlich aufgenommen. Ich habe dann auf meinem Spinnrad gesponnen, zwei Damen haben auf sehr alten Webstühlen Flickenteppiche gewebt. Andere haben die Flicken zurechtgeschnitten oder Socken gestrickt. Dabei wurde viel gequatscht und Äpfel gegessen. Um 12.00 gab es Kaffe. Die Damen haben total leckere Butterbrote mit Hering, Schinken oder Käse vorbereitet und selbstgebackenes Brot mit Apfelmarmelade. Einmal war ich auch bei einer Geburtstagsfeier dabei, da wurde richtig opulent aufgetischt. Es gab eine Art Tortenstück, aber herzhaft mit Eiersalat, Brot und Majonäse. Dann kalte Platten mit Fisch, Eiern, Braten etc. und zum Schluss Kuchen. Man hat mir zum Abschied auch eine Tasse des Museums geschenkt. Die Leiterin des Museums sprach Englisch und hat mir einiges übersetzt. Die Damen haben sich über die Baltische Kette unterhalten, an der sie alle teilgenommen haben und hatten heute noch Tränen in den Augen. Die Menschen hatten damals eine Menschenkette von Tallin bis nach Vilnius gebildet, um für die Unabhängigkeit der baltischen Staaten zu demonstrieren.
Ansonsten haben wir einige kleine Radtouren mit Michelle gemacht, was ja nicht ganz so einfach ist, da sie bei Katzen und Eichhörnchen nicht mehr zu bremsen ist. Johannes musste diese Erfahrung gestern machen. Die Fahrräder, zwei ältere Mountain Bikes haben wir von den Nachbarn geliehen bekommen.
Anfang der Woche haben wir eine Inseltour mit Inselhopping gemacht. Wir hatten phantastisches Wetter und es war wunderschön. Wir sind in Hiumaa am Montag Morgen gestartet. Zuerst ging es nach Kärdla, der Inselhauptstadt zum örtlichen Samaaria Pood, ein Sozialkaufhaus, in dem es einen Webstuhl zu kaufen gab. Schweren Herzens habe ich mich dagegen entschieden, weil mir einfach die logistischen Umstände zu groß waren. Weiter ging es nach Tahkuma., einer Landspitze mit einem Leuchtturm. Hier steht auch ein Mahnmal für die 1994 gesunkene Fähre Estonia. Es ist ein Eisengestell mit einer Glocke, die bei der gleichen Wetterlage läutet, in der die Fähre gesunken ist.
Nachmittags sind wir dann mit der Fähre zur Insel Saaremaa übergesetzt und haben in Leisi teuer und schlecht übernachtet. Am nächsten Morgen sind wir nach Kuressare, der Inselhauptstadt gefahren. Hier musste Johannes sofort zum Frisör, was ihm auch gelungen ist. Es ist unglaublich, was diese Stadt außer dem ganzen Wollkitsch an wirklich tollem und kreativen Wollhandwerk zu bieten hat. Wir haben hier das Sheep Center besucht, wo alles Wissenswerte über Wolle und Schafe auf Saarema dokumentiert wird. Wir haben dann noch die Meteoriten krater bei Kaali besichtigt und dann zur Insel Muhu weitergefahren. In Kogeva, einem kleinen Ort am Ende der Straße, befindet sich das Muhu Museum, das aus mehreren Gebäuden besteht. Eines davon ist das Wohnhaus des Schriftstellers Juhann Smull mit verschiedenen Nebengebäuden und einer kleinen Schule. Es gehörte auch ein Kunsthaus dazu, in dem die berühmten Stickereien der Trachten auf Muhu ausgestellt waren.
Euch scheint ja wirklich nicht so schnell langweilig zu werden! Schöne Bilder von den Ausflügen, bin auch schon gespannt die Ergebnisse vom Lace-Stricken zu sehen.
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