25.9.2016
Letzte Woche Sonntag haben wir nochmal einen Ausflug auf die Halbinsel Naorootsi gemacht. In Husby haben wir einen alten Friedhof besichtigt und ein Freiheitsdenkmal. Die Familie von Rosen liegt hier begraben, eine alte baltische Adelsfamilie. Auf dem Weg nach Söderby zur Landspitze haben sich auf einem Feld Kranichschwärme zum Abflug bereit gemacht. Es war total faszinierend, die Formationsbildung dieser Vögel zu beobachten. Manche Schwärme fliegen so hoch, dass man sie nur noch als Punkte wahrnehmen kann. Ich war total glücklich, dieses Schauspiel beobachten zu können.
| So wird in Estland ein Angelboot zu Wasser gelassen |
Seit Dienstag letzter Woche wohnen wir in Tallin. Wir haben uns von dem liebgewonnenen sowjetischen Plattenbau verabschiedet und sind langsam an der Küste entlang Richtung Tallin gefahren. Ich war etwas traurig aus Haapsalu wegzufahren, denn es ist wirklich ein wunderschöner Ort mit viel Natur.
Wir sind über Padise gefahren, ein netter Ort mit Schloss, Park, Gutshof und Klosterruinen, in denen man herumklettern konnte.
Danach wollten wir die Halbinsel Paldiski anschauen, die bis zur Unabhängigkeit Estlands ein streng geheimer militärischer Stützpunkt war und für die Bevölkerung geschlossen war. Hier soll es auch Atomversuche gegeben haben. Heute ist es ein ziemlich verlassener Ort, aber mit einem lebhaften Frachthafen.
Dank unseres Navis haben wir unsere neue Wohnung in der Öle 12 schnell gefunden. Die Wohnung und das Haus sind der krasse Gegensatz zur Platte. Es ist ein über 100 Jahre altes Holzhaus, das in Eigentumsappartments aufgeteilt ist. Die Wohnung ist gemütlich, aber sehr bunt und studentenmäßig.
Aber mir ist es lieber in einem Ikeabett zu schlafen als in einem traditionellen Schlafzimmer. Die Wohnung liegt in einem angesagten Szeneviertel. Das kreative und innovative Herz der Stadt Telleskivi 60a liegt fünf Gehminuten von uns entfernt. Das Viertel besteht fast ausschließlich aus alten Holzhäusern und wird von jungen Familien und sonstigen jungbebliebenen Menschen bewohnt. Hier sieht es überall aus wie in Ostberlin nach der Wende. Unser Standart ist für die meisten Menschen hier noch ein Traum. Unsere Wohnung hat keine Heizung, dafür aber alte Fenster. Das ist bei vielen Häusern so. Jetzt, wo es kälter wird, riecht man überall die Holzöfen. Auch sanitär gibt es noch einiges zu tun. Dennoch steigen hier gerade die Immobilienpreise in unserem Viertel gigantisch in die Höhe. Unsere Wohnnug soll verkauft werden. Sie ist ca 47m² groß, ohne Heizung, einfach verglast und ansonsten auch noch verbesserbar ,soll 74000€ kosten.
Dazwischen gibt es immer wieder Brachen und zerfallene und verlassene Industriegebäude, besonders in Hafennähe. Je nach Wetterlage ist es deprimierend oder romantisch.Überall in der Stadt wird gebaut, restauriert und renoviert. Die von den Touristen besonders geliebte Altstadt und der Domberg sind wirklich Schmuckstücke. Ich möchte sie aber noch einmal sehen ohne diese geführten Gruppen. Entfernt man sich aus diesem Teil der Stadt, sieht man eher graue Vorstädte. Es gibt natürlich auch ganz tolle Ecken. Am Mittwoch waren wir im Estnischen Freilichtmuseum in Rocca al Mare. Da kann man sich den ganzen Tag aufhalten und viele interessante Dinge über alle Regionen erfahren. Abends fahren wir jetzt immer zum Strand, um mit dem Hund zu laufen (5 Autominuten von unserer Wohnung). Dort ist ganz toller Sandstrand mit Blick auf den Hafen und die Skyline Tallins.
Meine Woll- und Textilrecherchen führe ich natürlich fort, es ist jedoch wesentlich schwieriger, weil es so viel gibt und ich mir die Informationen erst einmal zusammensuchen muss.
Nach der langen Zeit in ländlicher Umgebung fällt es mir schwer, mich an die vielen Reize zu gewöhnen. Ich habe immer das Gefühl, ich muss ganz viel sehen, renne auch ganz viel herum und bin dann nachher ziemlich ermüdet und manchmal auch frustriert. Hinzu kommt, dass es hier schon wesentlich herbstlicher ist als in Deutschland und man sich auch nicht mehr den ganzen Tag draußen aufhalten mag. Jetzt ist es wieder an der Zeit, die Aktivitäten ins Haus zu verlagern. Da überkommt mich doch ein ganz klein bisschen der Heimweh Blues. Aber auch diese Herausforderung werde ich meistern.
Johannes ist heute Morgen mit dem Bus nach Pärnu gefahren. Er wird dort heute Abend mit unseren neuen Bekannten Rain und Liina ein Konzert Black Sabbath and Cello besuchen. Er übernachtet auch dort. Ich bin jetzt seit Monaten zum ersten Mal alleine mit Michelle und finde es komisch. Gleich werden wir einen langen Spaziergang um den Domberg herum machen. Übrigens die Esten sind trotz mäßigen Wetters Outdoor begeistert. Überall wird spaziert, Rad gefahren oder sonstigen Sport getrieben.
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