Jetzt sind wir schon zwei Wochen in Haapsalu, einer kleinen Stadt von 10 000 Einwohnern, an der Westküste von Estland. Die Zeit verfliegt. Im Hinterkopf habe ich immer noch die Angst, ich könnte mich langweilen, aber das Gegenteil ist der Fall.
Wie ich schon erwähnte, wohnen wir jetzt in einem kleinen russischen Wohnblock, der in den fünfziger Jahren gebaut wurde. Es gibt acht Wohneinheiten in zwei Häusern, die von einem parkähnlichen Gelände umgeben ist. Jede Wohnung hat einen eigenen Garten, einen Schuppen und einen Holzstapel. Die Bewohner geben sich viel Mühe, alles sauber und in Ordnung zu halten. Besonders Alfried, unser direkter Nachbar, ist so eine Art Hausmeister.
Unsere Wohnung ist den Umständen entsprechend modernisiert, d.h. Warmwasser und Elektrizität, hat aber keine Heizung, sondern einen gemauerten Ofen, auf dem man in der Küche auch kochen kann. Die Küche ist der gemütlichste Raum, in der wir auch unsere Abende mit Lesen, Stricken und ein wenig quatschen verbringen. Die Möbilierung ist relativ neu, aber nicht unbedingt nach unserem Geschmack. Mittlerweile habe ich mich an unsere Platte gewöhnt und bin gerne da.
| Der schöne Herd, den ich auch gerne hätte. |
Gleich am ersten Tag in Haapsalu fand das grösste Fest des Jahres statt: Das "Valge Daami aeg".
Die Zeit der weißen Dame heißt das auf Deutsch und hat mit einer angeblichen Erscheinung hinter einem Kirchenfenster zu tun. Es ist ein Volksfest der schönen Art. Überall gab es Volkskunst und vor allem Handarbeiten. Massenware aber auch wunderbare Designersachen. Ich habe gerade hier in der Bücherei eine Frau wiedergetroffen, die auch einen Stand betreut hat. Haapsalu ist besonders bekannt für Lace Strickerei, das ist eine Art Kunststricken mit superdünner Wolle. Im 19. Jahrhundert war Haapsalu die Sommerresidenz der russischen Zarenfamilie und die Frauen der Stadt haben im Winter diese leichten und warmen kunstvollen Schals und Stolen für die Damen der besseren Gesellschaft gestrickt. Diese Tradition hat sich bis heute gehalten und wird im örtlichen Lacecenter gepflegt und weitergegeben.
Lacecenter
Ich wollte das auch einmal probieren und habe mich einfach zu den Damen dazugesetzt. Die ältere Dame gab sich alle Mühe, mir den Anfang zu erklären, aber auf Estnisch habe ich es nicht verstanden und vom Abschauen konnte ich es nicht nachstricken. Sie versuchte dauernd, jemanden anzusprechen, der Englisch oder Deutsch verstand, war aber niemand in der Nähe.
Es war ein toller Tag mit vielen Eindrücken. Jedenfalls war ich fest entschlossen, diese Technik zu erlernen. Am Dienstag darauf bin ich zum Lace Center und habe mich da einfach hingesetzt und gefragt, ob mir das jemand erklären kann. Ich hatte Glück, eine Frau konnte Englisch und hat mir alles genau gezeigt. Da gehe ich jetzt jeden Dienstag Vormittag hin. Ich habe einen Haapsalu Schal angefangen und hoffe, dass er auch fertig wird.
Beeindruckend war auch die Geschichte einer alten Dame, die uns auf Deutsch ansprach. Sie erzählte uns, dass sie aus Ostpreußen, aus Königsberg, stamme. Königsberg wurde zum Ende des Krieges als Festung deklariert und war Monate lang von der Roten Armee belagert. Ihrer Mutter gelang es, sie als vierjähriges Kind , einer estnischen Familie mitzugeben, bei der sie auch aufwuchs. Mutter und Geschwister sind alle umgekommen. Als 12jährige haben ihre Pflegeeltern sie über ihre Herkunft aufgeklärt und sie hat auf eigene Initiative die deutsche Sprache wiedererlernt . Heute trug sie eine ostpreußische Tracht, die sie selbst gewebt, genäht und bestickt hatte. Für mich war das eine eindrückliche Begegnung, weil ich zum ersten Mal eine Zeitzeugin aus diesen schrecklichen Zeiten deutscher Geschichte gesprochen habe.
24.8.2016
Heute haben wir bei gutem Wetter einen interessanten Ausflug auf die Halbinsel Naarootsi gemacht. Auf der Fahrt zur Halbinsel gibt es kaum Dörfer, nur Einzelsiedlungen. Zuerst waren wir in Elbiku. Wir fanden ein verlassenes Feriendorf, eine Sufschule und einen schönen Sandstrand. Michelle hatte wieder Hundekirmes und es ist immer schwierig, den nassen und panierten Hund im Auto unterzubringen. Man sollte auch nicht so kleinlich sein ! Weiter ging es nach Dirhami, einem kleinen Hafen an der Landspitze mit einem geöffneten Sommercafe.
So ähnlich sieht es überall an der Küste bei schönem Wetter aus.
26.8.2016
Wir hatten uns vorgenommen, die vorgelagerten Inseln zu besuchen. Heute waren wir auf Vormsi, der 4.größten Insel Estlands. Historisch wurde die Insel von Schweden bewohnt. 1944 flüchteten viele Bewohner aus Angst vor der Roten Armee ins Mutterland nach Schweden. Bis dahin lebten noch 2500 Menschen auf der Insel, heute sind es noch 400. Sie leben von Forstwirtschsft, Fischerei und Tourismus. Heute haben wir eine Rundfahrt mit dem Auto gemacht. In Hullo, dem Hauptort, habe ich natürlich den lokalen Handarbeitsladen besucht und schöne handgefärbte Wolle gekauft. In Saxby sind wir über eine Schotterpiste zum Strand gefahren. Ein Traum von Bucht, ganz flaches Wasser mit großen Findlingen, Sandstrand, Kieferwälder und wir.
| So sieht es vieler Orts auch noch aus. |
| Internetpunkt an der Bushaltestelle |
| Die lokale Bushaltestelle |
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen